Internationales Jugendzeltlager in Cracinuel / Siebenbürgen

Gefördert durch das EU Programm: „Jugend in Aktion“

Siebzig junge Menschen aus Deutschland und Rumänien schufen sich in den Sommerferien für zwei Wochen ein eigenes Dorf mitten in den Bergen Siebenbürgens.

Außer einer baufälligen Hütte und einer eingefassten Wasserquelle war auf unserem Platz nicht viel vorhanden. Die von einem Bauern gemietete Wiese mit zwei angrenzenden Bächen musste zuerst als Lebensraum mit allen Erfordernissen gestaltet werden.

Die ersten Tage waren geprägt von der gemeinsamen Arbeit aller Teilnehmer. Engagiert und motiviert brachte sich jeder auf seine Weise und mit seinen Begabungen in die Errichtung des Camp-Dorfes ein und innerhalb von wenigen Tagen entstanden eine Küche und Kochstellen, Lagerfeuerplatz, Toiletten, Staudamm, Waschplätze im Bach, eine Dusche, Bänke, Tische, Essplätze, Materiallager, Seminarräume, Volleyballplatz, Fußballplatz u.v.m.

Die Hauptaktivität des Camps und das wesentliche verbindende gemeinschaftliche Element war eindeutig die Arbeit. Beim gemeinsamen Bauen entstanden eine besondere Gemeinschaft, eine eigene Sprache und eine große Freude über die für die Gemeinschaft geschaffenen Dinge.

Am  Morgen traf sich die Gruppe vor dem Frühstück in einer großen Runde zum Tagesstart. Mit einer kleinen Geschichte, einem Lied oder einer Episode der letzten Nacht wurde der Tag begonnen.

Nach dem Frühstück wurden die verschiedenen Möglichkeiten der Tagesgestaltung vorgestellt und Teams für die nötigen Arbeiten gebildet.

Spannend waren die Einblicke in die alltäglichen Lebensformen der Menschen in den umliegenden Dörfern. Ca. 800 Meter vom Camp entfernt befindet sich z.B. eine Roma Siedlung zu der ca. 30 Familien gehören. In winzigen kleinen Lehmhütten, zumeist ohne ein wirklich schützendes Dach leben in jeder Hütte ca.  10 Personen, zumeist 6-8 Kinder mit ihren Eltern. Die Lebensbedingungen erscheinen uns dramatisch und völlig unakzeptabel. Ein entsprechender Schulbesuch der Kinder scheitert häufig an nicht ausreichend vorhandener Kleidung und die Erledigung von Schulaufgaben in diesen Hütten ist nahezu ausgeschlossen. Von den übrigen Bewohnern des naheliegenden Dorfes werden diese Roma Familien teilweise als massive Bedrohung empfunden, was zu erheblichen Konflikten führt, die fast allabendlich auf der Dorfstraße ausgetragen werden. 

Überhaupt war die Problematik der verschiedenen in Rumänien lebenden ethnischen Volksgruppen und deren unterschiedliche Kulturen, Geschichts-deutungen und Lebensarten ein wesentliches Thema in den Seminaren und Diskussionen des Camps.

Die jugendlichen Camp-Teilnehmer  aus Rumänien wuchsen zum größten Teil ohne ihre Eltern auf. Die Organisation eines eigenständigen und selbst-bestimmten Lebens außerhalb von Armut und Ausgrenzung, stellt darum für sie eine besondere Herausforderung dar.    

Das Camp befand sich im Bezirk Harghita in dem nahezu 100 % der Bevölkerung ungarisch sprechen, also zur ungarischen Minderheit in Rumänien gehören. Nur wenige Kilometer entfernt vom Camp begann das Siedlungsgebiet der Sieben-bürgersachsen, deren 800- jährige Geschichte auf tragische Weise in den letzten 30 Jahren ein Ende fand. Auch auf ihren Spuren waren wir unterwegs, besuchten Kirchenburgen und lauschten den Erzählungen verbliebener Zeitzeugen einer einst blühenden Kultur.

Siebenbürgersachsen, Ungarn, Szekler, Rumänen, Zigeuner, Türken, Tataren - Themen hinter Wörtern,  die bis vor dem Camp für die meisten Teilnehmer recht fremd waren. Bei der Spurensuche in Rumänien stellte sich heraus, dass wir mitten in ein Gebiet geraten sind, welches zu Recht als Schmelztiegel europäischer Kulturen und europäischer Geschichte zu verstehen ist. 

Dies wird aktuell auch in Deutschland wahrgenommen. Die Bestrebungen des ungarischen Szeklerstammes nach einem eigenen autonomen Gebiet in Rumänien werden auch in der deutschen Presse regelmäßig thematisiert. Letztlich ist das Verständnis der enorm erstarkten rechtradikalen Jobbik Partei in Ungarn und deren Einzug ins Parlament mit 17 % nur zu verstehen auf dem Hintergrund der historischen Geschichte der Region. Hauptthema der Jobbik Partei ist die Rückführung der durch die Verträge von Versailles und Trianon verlorenen ungarischen Gebiete –allen voran Transsylvanien. Auch die Abwanderung verarmter ROMA Familien nach Westeuropa beschäftigt die aktuelle politische Diskussion in Deutschland. Nur wer jemals die dortigen Lebensumstände-und Zusammenhänge kennengelernt hat, kann einigermaßen differenziert die Diskussion verfolgen und eine Position dazu einnehmen. 

Die Lebensgrundlage vieler Menschen in den ländlichen Gebieten Rumäniens obliegt weitgehend der Subsistenzwirtschaft. Das Überleben der Familie hängt also maßgeblich vom eigenen Acker den vorhandenen Nutztieren sowie den zur Verfügung stehenden Arbeitskräften ab.  Monatliche Geldeinkommen sind eher gering und kaum berechenbar. Über eine feste Anstellung mit dazugehörigen Sozialversicherungsleistungen  verfügen die wenigsten Menschen, wodurch sich z.B. die Fragen nach der Nutzung medizinischer Leistungen oder einer Altersvorsorge ganz anders stellt als bei uns. Die Familie als tragende Basis für die Absicherung des eigenen Lebens erhält dadurch eine andere Bedeutung. 

Durch die Auseinandersetzung mit uns unbekannten Lebensformen und Überlebensstrategien, entstanden  Blickwechsel und Eindrücke, die den eigenen Lebenshorizont weiten und den Blick auf den eigenen Lebensstil und Anspruch verändern.

Wir waren in diesen Tagen viel unterwegs im faszinierenden Siebenbürgen und seinen verschiedenen Regionen aber verbrachten auch viel Zeit im Camp.

Neben dem Tanz im Dorf, der Schlachtung eines Schweins, der Sichtung eines Bären, festlichen Abendmenüs auf der Wiese, sportlichen Höhepunkten und Länderwettkämpfen, waren die nächtlichen Runden am Feuer mit Liedern und intensiven Gesprächen, wesentliche und berührende Momente dieses Camps.

Nicht unerwähnt soll sein, dass wir von einem sehr unfreundlichen Virus erfasst wurden, der sich recht kräftezehrend auswirkte. Mitten in den Bergen – rein auf uns selbst gestellt erkrankten wir am Noro-Virus bzw.  breitete sich die Ruhr aus. Nahezu alle Teilnehmer waren kurzzeitig oder auch länger davon betroffen. In Deutschland wäre unser ganzes Camp sofort unter Quarantäne gestellt worden. Wir hielten durch und trainierten das Überleben ohne Netz und doppelten Boden. Letztendlich bestärkte das die Solidarität untereinander und verschaffte den Erkrankten eine besondere Form der Zuwendung. Jedoch wird dieser Umstand im Nachhinein von den Teilnehmern als ganz besondere Erfahrung und Herausforderung bezeichnet.